Reisebericht Kreuzfahrt Rotes Meer 2012

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Nach unserem Hausumbau im Erdgeschoss (Dieter nennt es Entkernung des Hauses und Neuaufbau) brauchen wir etwas Erholung.

Aber wir wollen nicht nur Relaxen pur, wir wollen auch etwas Neues sehen und erleben – und da beginnt die Schwierigkeit. Immer wieder heißt es „kennen wir schon“, „haben wir schon so ähnlich sehen“ und dann entdecken wir etwas, das wirklich völlig neu für uns ist:

Eine Kreuzfahrt mit der AIDAblu ins Rote Meer!



Und so buchen wir sehr zeitig – zwei Wochen bevor sie startet – eine Pauschalreise mit der AIDAblu ins Rote Meer.

13.4.2012 Start in Sham El Sheikh

Am 13.4. startet um 6:20 Uhr die tuifly in Frankfurt mit uns nach Sharm El –Sheikh. Nachdem uns der Bus dann im Hafen abgesetzt hat, erwarten uns aber weder Beatrice noch der Kapitän, sondern 20 Schalter, an denen wir einchecken dürfen.

Als erstes wird uns der Reisepass abgenommen, was uns gar nicht gefällt, aber wir haben rundum Betreuung gebucht.

AIDA ist so etwas wie „Betreutes Wohnen“ auf einer Kreuzfahrt.

Die AIDA-Crew ist sehr gut durchorganisiert, dass wir um halb eins auf dem Schiff sind und tatsächlich gleich die Kabine beziehen können. Selbst der Koffer ist schon da - super.

Die Kabine ist sinnvoll aufgeteilt und für uns mehr als ausreichend groß.

Nach dem Auspacken der Koffer - haben wir schon lange nicht mehr auf einer Reisen gemacht - gehen wir ins "Bella Donna Restaurant" essen. Ist wie im Robinson Club, nur auf einem Schiff.

Es gibt keine echte Cola auf der AIDA, nur Pepsi, für Conny ein Drama :-(((((

Gefühlt sind wir die einzigen First Timer oder freshmen hier. Alle die wir sprechen, haben schon mindestens 4 Kreuzfahrten hinter sich.

14.4.2012 Jordanien Aqaba

Interessant und wichtig auf einer Kreuzfahrt sind die Landausflüge und so haben wir die ersten drei Tage Programm gebucht. Morgens haben wir im Hafen von Aqaba, Jordanien angelegt und um 7 Uhr treffen sich die Teilnehmer des Landausfluges.

25 Busse stehen vor dem Schiff für uns bereit :-). Wir landen in Nr. 2 und werden von Ajman touristisch betreut. Schon komisch ohne Reisepass in Jordanien einzureisen....

Aqaba ist eine Freihandelszone und ca. 20 km um den Hafen herum kann man zollfrei einkaufen. Durch die border control fährt der Bus einfach durch. Von acht bis kurz vor zehn fahren wir über die Saharastraße und die kleinere Königsstraße nach Petra. Ohne Fotostopp!

Allein hätten wir wahrscheinlich doppelt so lange gebraucht wegen der vielen Fotomotive.

Dieter „liebt“ es Fotos aus einem fahrenden Bus zu schießen und zusätzlich durch eine geschlossene Fensterscheibe.

Als wir Petra (die neue Stadt) erreichen geht es zu Fuß zur rosanen Stadt in den Felsen. Es sollen 0,9 km sein und wir brauchen 1 Std. dafür. Noch ist es angenehm kühl, so um die 20 Grad.

Petra, die antike Felsenstadt, wurde erst 1812 entdeckt. Vor 2000 Jahren hatten die Nabatäer, ein durch den Weihrauchhandel reich gewordenes Beduinenvolk, ihre Hauptstadt in den weichen, roten Sandstein des Talkessels geformt.

Damals wie heute führte der einzige Weg in die Stadt durch den Siq, eine zwei Kilometer lange Schlucht. Mit jedem Schritt scheinen die bis zu 80 m hohen Felswände mehr zusammen zu rücken. Wenn sich der Blick auf die rosa Fassade des Schatzhauses Al-Kwasneh öffnet, nimmt Petra einen unwiderstehlich gefangen.

Lawrence von Arabien nannte sie einst "die Erhabene" und Steven Spielberg drehte hier die Schlussszene von "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug".

Außer dem Schatzhaus gibt es noch weitere 800 antike Denkmäler im Tal, zu dem ein römisches Theater, die Säulenstraße, zwölf Königsgräber und vieles mehr gehören. Seit 1985 ist Petra Teil des UNESCO - Weltkulturerbes und zählt zu den 7 Weltwundern der Moderne.

Im Siq, in der Schlucht ist es fast wie im Antelope Canyon - beeindruckend! Besonders das Farbenspiel der Sandsteine. Das Beste ist dann, wenn man den ersten Blick durch die Felsen auf das Schatzhaus in Petra hat.


Als wir dann davor stehen, fällt zuerst der Gestank auf von Kamelkacke und Zigarettenrauch, denn man steht in einer Art Kessel. Zwanzig Minuten Fotostopp, dann gehen wir weiter in den Ort, vorbei an Felsengräbern bis zum Amphitheater. Es ist Mittag und die Sonne brennt ganz gut vom Himmel, geschätzte 30 Grad.

Petra ist zwar voll Touristen, aber wir haben es uns doch voller vorgestellt, es verteilt sich - angenehme Überraschung.

Statt zu irgendwelchen Gräbern hochzuklettern, setzen wir uns in ein Cafe und gönnen uns eine echte Coca Cola :-))) Wir sind halt Kunstbanausen.

Petra ist beeindruckend, toll!

Überall laufen Kinder rum, die für 1Euro oder 1 Dollar (Umrechenkurse werden großzügig gerundet) zehn Postkarten anbieten mit den Worten "guck mal hier, guck mal da" ohne zu verstehen, was es bedeutet. Sie freuen sich nur an unserem Gelächter. Lange wehren wir uns, als aber Dieter einen Objektivdeckel liegen lässt und ein relativ Kleiner ihn Conny bringt, kauft sie ihm ein Kartenpack ab.


Kurz vor sechs erreichen wir die Aida und nachdem alle an Bord sind, legt diese um zwanzig nach sechs ab.

Jetzt geht es nach Israel, aber nur bis in die Mitte des Golfes von Aqaba, dann kommen die Israelis an Bord und alle müssen sich einem facecheck unterziehen, sonst darf das Schiff nicht in Eilat anlegen.

Facecheck, d.h. jeder bekommt seinen Pass und darf mit ihm einen Landausgangsschein (vom AIDA-Team fertig ausgefüllt) abstempeln lassen. Zuvor in Deutschland wurde noch empfohlen bei der Botschaft Israels nachzufragen, ob man einreisen darf, wenn man einen anderen arabischen Stempel, außer Jordanien und Ägypten, im Pass hat. Hier schert das keinen, da wird nur das Bild mit deinem Gesicht verglichen. Nach zwei Stunden, gut organisiert, ohne lange Schlangen und Wartezeiten ist diese Prozedur für 2000 Passagiere abgewickelt. Der Grad der Perfektion und Organisation dieser Abläufe ist schon beeindruckend.

15.4.2012 Israel Eilat

Eilat ist der Nachbarort von Aqaba, liegt aber schon in Israel. Schon Moses soll die Israeliten während ihrer Flucht aus Ägypten durch Eilat geführt haben. Eilat liegt nur 3 Seemeilen von Aqaba entfernt und ist nicht nur der einzige Seehafen von Israel am Roten Meer sondern auch ein Ort mit Sonnenscheingarantie, es regnet nur durchschnittlich 8 Tage im Jahr hier am Rande der Negev Wüste.

Heute steht die Jeep-Tour zum Red Canyon an.

Mit dabei sind vier Münchner, die die Nacht durchgemacht haben. Den Pass haben sie im Tresor, und leider den Code vergessen.... Sie schaffen es aber noch rechtzeitig.

Heute dürfen wir nicht nur unsere Bordkarte beim Verlassen vorzeigen, nein, auch bei den Israelis unseren Pass. Die Lady fragt uns noch, ob wir Waffen dabei haben, nachdem wir freundlich verneinen – dürfen wir ins Land rein.

Um neun sitzen alle in den ihnen zugewiesenen 7 Jeeps und es geht los.

Unser erster Stopp ist in der Negev, einer Steinwüste ohne Sand, auf einer Art Plateau. Hier stellt sich der Reisführer vor, da keiner seinen Namen richtig aussprechen kann, sollen wir Ben Naja sagen, dann passt es so ungefähr. Ben Naja hat zum Frühstück einen Clown vertilgt und entwickelt sich zum richtigen Entertainer. Er ist Israeli und christlich erzogen worden - er ist also Jude. Da er den Talmud in aramäisch gelesen hat, fiel es ihm leicht neben hebräisch auch arabisch zu lernen. In der Schweiz hat er auch mal gelebt, wie alle Nahöstler hier. Und er ist so von seinem Land überzeugt, dass er meint alles auf dieser unserer Welt kommt ursprünglich aus Israel.

Ben Naja behauptet, eigentlich ist Aqaba das alte Eilat. Aqaba bedeutet "Weg über den Berg" und alle Pilger nach Mekka müssen durch Aqaba-Eilat.

Beim zweiten Halt mitten in der Wüste klärt Ben Naja uns auf, dass das gar keine Wüste ist, denn es ist nicht öd und es wächst alles Mögliche darin. Anhand einiger Büsche zeigt es uns, wie sie Wasser speichern und wie man aus einem dieser Gewächse Seife gewinnt.

Der dritte Stopp, um high noon, beschert uns einen kleinen Spaziergang zu den Amram Säulen (eine 30m hohe, vom Wind geformte Gesteinsformation). Ben Naja geht vor uns wie der Rattenfänger von Hameln auf einer Flöte spielend. Nach einem kurzen Gang in prallem Sonnenlicht erreichen wir das Sandsteingebirge - und es ist ganz nett - aber dafür hätten wir freiwillig keine 60€ each bezahlt.

16.4.2012 Ägypten Safaga

Nachdem wir gestern Abend den Containerhafen von Eilat verlassen haben, legen wir heute früh um 5 Uhr in Safaga, Ägypten an.

Safaga ist noch ein recht junger Urlaubsort, der hauptsächlich aus Hotelanlagen besteht. Der Hafen wurde extra für die Mekka-Pilgerer gebaut, damit sie schneller über das Rote Meer gelangen. Das Besondere erwartet einen jedoch im Hinterland, denn Safaga ist nicht allzu weit von Luxor und dem Tal der Könige entfernt.

Das wollen auch wir zu einem Besuch nutzen.

Es steht wieder eine ganze Armada Busse bereit, genau 14, die wir belegen und um kurz vor halb acht fährt der angemeldete Konvoi los - nicht nur zur Sicherheit im Konvoi, nein auch aus Tradition wie die Reiseleitung erzählt (wer’s glaubt). Unsere Reiseleiterin heute heißt Sherin (oder so ähnlich), wir dürfen sie auch Mon Cherie nennen. Ihre Ansprache an uns ist immer "meine Lieben".

Wir fahren durch die Wüste und erreichen die erste Ortschaft Qena.

Sofort fallen die Schlangen an den Tankstellen auf. Mindestens 20-50 Autos und LKWs stehen auf der Straße und warten darauf, dass sie an die Reihe kommen. Mon Cherie erklärt uns, dass das eine Folge der Revolution vor 1,5 Jahren ist. Die jetzige Regierung, also das Militär, hat das Benzin und das Gas so rationiert, um die Menschen vom Protestieren abzuhalten. Wer damit beschäftigt ist die lebensnotwendigen Sachen zu besorgen - und die Bauern brauchen Sprit für die Dieselmotoren der Bewässerungssysteme - der kann nicht rebellieren.

Auch eine Logik.

Ein großes Problem scheint hier nicht AIDS sondern die Bilharziose zu sein, an der 50% der Bevölkerung leidet, da alle in den stehenden Gewässern baden, ihr Kleidung waschen und ständig irgendwie darin stehen.

Ein weiteres Problem ist die Bevölkerungsexplosion. Zurzeit gibt es 83 Mio registrierte Ägypter. Da aber die Bauern/Beduinen ihre Töchter oft nicht bei der Geburt registrieren lassen (um sie früher verheiraten zu können, denn das gesetzliche Alter ist 16 für eine Heirat), ist die Dunkelziffer viel höher.

Dieter stellt fest, hier sieht es überall so aus wie im Zimmer unseren jüngsten Sohnes, leere Flaschen und Müll. Nach vier Stunden Fahrt durch ungezählte Polizeisperren erreichen wir das Tal der Könige.

Für 80£E können wir 3 Gräber besichtigen. Vom Busparkplatz geht es durch eine Giftshop Passage zum "tüff tüff", dem Wagen, der uns zum Eingang bringt. Wir kommen kaum vorwärts, da ständig Verkäufer im Weg stehen und uns für 1€ oder 1$ Postkarten, Tücher und ähnliches verkaufen wollen. Mon Cherie warnte uns schon vor, dass die Souvernirverkäufer vor der Revolution nervig waren, heute sind sie aggressiv.

Zu uns waren sie freundlich, aber echt super nervig!

Achtung: Im gesamten Tal der Könige darf man nicht fotografieren!!!!!

Im Tal der Könige am Westufer des Nils liegen 64 Pharaonen begraben, das berühmteste Grab ist das des Tutenchamun, das erst 1922 von Howard Carter entdeckt wurde. Das Grab ist jedoch heute leer, denn seine unermesslichen Schätze wurden in das Museum von Kairo gebracht. Die Gräber im Tal der Könige wurden durchlaufend nummeriert, wobei den Ziffern die Buchstaben KV (englische Abkürzung für Kings' Valley) vorangestellt werden. Die Nummerierung geht auf John Gardner Wilkinson zurück, der 1827 mit einem Pinsel und einem Eimer roter Farbe durch das Tal wanderte und jedem Grab, das er fand, eine Nummer gab. Er kam bis zum Grab KV21.

Gegen ein Uhr verlassen wir das Tal und fahren durch West-Theben zurück zu den Memnon Kolossen. Es gibt so viel ägyptisches Leben am Nil zu sehen, dass wir trotz fahrendem Bus und geschlossenem Fenstern fotografieren. Und so produzieren wir einigen Datenmüll.

Heute ist hier Ostern, ein Feiertag - für die Muslime? - und das Leben spielt sich auf der Straße ab.

Die Kolosse von Memnon bestehen aus Quarzit und wurden aus einem einzigen Rohling gefertigt. Um die fast 1000 t schweren Steine zu transportieren waren acht zusammengebundene Schiffe nötig. Sie stellen Amenophis III. dar, der auf einem würfelförmigen Thron sitzt. In der römischen Zeit hielt man sie für Statuen des Memnon, was ihnen zu ihrem, wenn auch falschen, Namen verhalf.

Anschließend geht es vorbei am Tempel von Luxor zur Tempelanlage von Karnak einer atemberaubenden Ansammlung von architektonischen Meisterleistungen. Der absolute Höhepunkt im Bereich des Karnak-Tempels ist der Säulensaal. Mit seinen Ausmaßen von 52 x 103 m bedeckt er eine Fläche von über 5000 qm. Die zwölf größten Säulen sind 24 m hoch und gut 3,50 m im Durchmesser.

Die Rückfahrt mit dem Bus ist nach sieben Uhr schon abenteuerlich, denn es ist stockdunkel draußen und die Lichter des Busses reichen nicht besonders weit. Wie gut, dass wir so weit hinten sitzen, dass wir wenig davon mitbekommen.

Nach 14 Stunden Landausflug, davon die meisten im Bus, erreichen wir die AIDA und beschließen, dass ab sofort Erholung an erster Stelle steht und wir auf weitere Landausflüge verzichten.


17.4.2012 Ägypten Seetag

Heute ist Seetag, d.h. wir können ausschlafen.

Die AIDA fährt durch den Golf von Suez, genauer den Suez-Kanal, bis nach Sokhna.

Obwohl hier auch viele Schweizer sind, merken wir sofort an Deck, dass wir unter Deutschen sind - die meisten Poolliegen sind belegt, natürlich nur mit Handtüchern. :-)))

Da ein leichter Wind geht und so ziemlich alle Schattenplätze belegt sind, gehen wir in die Sonne. Es ist 21 Grad bei wolkenlosem Himmel um zehn Uhr morgens.


18.4.2012 Ägypten Sokhna

Wir genießen Ruhe pur - und heute ist wirklich Ruhe, denn mindestens die Hälfte der Passagiere sind auf Ausflügen.

Neben uns liegt die Queen Mary II, welch Ehre.

Halb elf erreicht ein Sandsturm vom Landesinneren die AIDA. Zuerst bemerkt man es am leicht gelblich belegten Bildschirm des iPads, dann kommt etwas Wind auf. Um elf Uhr kann man den Containerhafen kaum noch sehen und die Queen Mary II liegt wie in einem Nebelschleier.

Da nur noch Sichtweiten um 100 m existieren, werden einige Außenbereiche geschlossen und die Sonnenliegen weggeräumt, da der Sand sich überall festsetzt.

Auch um 18 Uhr tobt draußen noch der Sandsturm.

Die Landgänger berichten beim Essen, dass auch in Gizeh und Kairo der Sandsturm tobte – gute Entscheidung auf Landausflüge zu verzichten ;-)

19.4.2012 Ägypten zurück in Sham El Sheikh

Heute werden wir nicht direkt im Hafen von Sharm El Sheikh anlegen können, da ein anderes Schiff Passagiere aufnimmt und so etwas hat immer Vorrang. Die Landgänger werden also mit Tenderschiffen an Land gebracht.

Nach und nach fallen alle Ausflüge aus wegen des Sandsturms, der gar nicht mehr stürmt, aber die Luft hängt voller Sand.

Es gibt noch eine Warnung für die Landgänger, die auf eigene Tour los wollen. Da es seit einiger Zeit Übergriffe auf Touristen im Sinai gegeben hat, wurde der Ausflug zum Katharinenkloster aus Sicherheitsgründen gestrichen und gebeten auch nicht auf eigene Gefahr dorthin zu reisen.

Wir relaxen an Bord!

20.4.2012 Abreisetag

Da unser Flug nach Frankfurt schon um 12 Uhr geht, werden wir um 9 vom Schiff abgeholt.

Heute ein letztes Frühstück auf Deck im Freien und in der Sonne.

Der Rücktransfer zum Flughafen verläuft problemlos, nachdem uns ein AIDA-Scout noch einmal darauf hinweist, dass wir jetzt wieder für uns selbst verantwortlich sind. :-))))))


Auf AIDAsehen!

Persönliche Anmerkungen zur politischen/wirtschaftlichen Situation Ägyptens

Die Reise um die Sinai Halbinsel herum beinhaltet Stopps in drei Ländern Israel Eilat, Jordanien Aqaba und verschiedene Stationen in Ägypten.

Soweit es auf einer solchen Reise überhaupt möglich ist, haben wir einige persönliche Einblicke und Einschätzungen insbesondere zu Ägypten sammeln können.

Auf der Fahrt von Safaga nach Luxor fährt man nach 100 km Steinwüste, kilometerlang an Dörfern, Städten und Ansiedlungen vorbei, die an Nebenarmen des Nils liegen. Die Armut und Einfachheit der Behausungen und der Infrastruktur ist erschreckend und mit Verhältnissen in Kenia absolut vergleichbar. Der Unterschied zu Kenia, da ist es ein Haus oder ein Dorf, hier liegen kilometerlang ‚Notfallbehausung’ an ‚Notfallbehausung’

Tierhaltung und Wohnen sind praktisch eine Einheit, eine funktionierende Müllentsorgung ist praktisch undenkbar. Die Lebensader (Nil und Nebenarme) wird für die Gewinnung von Trinkwasser, das Waschen der Tiere, die Bewässerung der Äcker und als Müllhalde genutzt - Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Ägypten hat unsere Ansicht nach mit drei strukturellen Problemen zu kämpfen:

  1. Problem Volkskrankheit: Über 50% der Bevölkerung sind erkrankt an der Wurmkrankheit (Bilharziose), die sie sich durch das Arbeiten in dem verseuchten, stehenden Wasser sich zuziehen. Die Krankheit ist praktisch nicht heilbar, nur die Symptome können gelindert werden.

  2. Problem Bildung: Obwohl die Nasser bereits die Schulpflicht eingeführt hat (10 Pflichtjahre) wird/kann sie nicht auf den ländlichen Gebieten durchgesetzt werden, die Kinder werden als Helfer in den Familien und auf den Feldern gebraucht - 50% Analphabeten.

  3. Problem Überbevölkerung: Bevölkerungsentwicklung oder besser Explosion. 10-15 Kinder pro Familie sind keine Seltenheit, da noch immer die Familie als Sozialversicherung angesehen wird. Alle Religionsführer versuchen klar zu machen, dass Abtreibung verboten aber Verhütung erlaubt ist. Im großen Stil werden Antibabypillen verteilt. Die Frauen verfüttern diese aber an die Hühner, die durch die Hormone nochmal so gut gedeihen. 30% der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt.

Ägypten hat geschätzte 85 Mio. Einwohner genau soviel Deutschland bei einer Fläche die 3 mal so groß ist. Das sieht auf den ersten Blick sehr gut aus, genauer betrachtet ist aber nur eine Fläche groß wie Baden-Württemberg bewohnbar, der ‚Rest’ ist Wüste (Steinwüsten auf Sinai, Sandwüsten Richtung Libyen).

Die Zeiten das Kairo, Damaskus, Bagdad... klangvolle Namen im arabischen Raum waren und als Centren galten sind heute vorbei – heute sind Quatar, Oman, Dubai, Saudiarabien die wirtschaftlichen und politischen Zentren. Bis vor wenigen Jahren konnten Akademiker (Ärzte, Ingenieure ...) als Gastarbeiter in den Golfstaaten Arbeit finden, heute bevorzugt man Amerikaner und Europäer, was das Arbeitslosen-Problem weiter verschärft. Gut ausgebildete Juristen, Lehrer zeigen heute Touristen alte Steine in Luxor und Gizeh.

Mit ihren wertvollen Kulturgütern, die sicher den Tourismus noch viele Jahre stützen werden, gehen sie aber leider nicht besonders pfleglich um. Normale Wohnhäuser werden bis an die Pyramiden herangebaut, sodass die Bilder ‚Pyramiden in der weiten Wüste’, so wie wir sie im Kopf haben, nur noch bedingt möglich sind.

Im Tal der Könige werden die Gräber inklusive der alten Bemalungen fast gar nicht geschützt. Jeder kann sie berühren und anfassen. In einem Grab Ramses des Dritten hat man begonnen eine Glasverkleidung zum Schutz aufzubauen - in einer solchen Qualität, so hätten wir nicht mal ein Kellerfenster hergestellt. Die Beleuchtung dieser einmaligen Kulturschätze erfolgt mit frei verdrahtet Neonröhren. In Summe scheinen sich die Ägypter Ihrer Schätze nicht bewusst zu sein oder sie sind noch gleichgültiger als wir das für möglich halten.

Das Müllproblem ist allgegenwärtig. Kairo bewirbt sich als dreckigste Stadt der Welt und wird diesen Titel sicher gewinnen.

Wird der Ägyptische Frühling (die letzte Revolution Jan. 2011) die Verhältnisse zum Besseren wenden?

Nach der Befreiung von verschiedenen Besatzungsmächten wurde Ägypten 1922 von den Briten unabhängig.

Seit der Zeit hatte Ägypten 3 Präsidenten

  1. Nasser (Bau des Assuan-Staudamms, Frauenwahlrecht, Bodenreform für Kleinbauern)
  2. As-Sadat (Friedensprozess mit Israel, Camp David-Abkommen)
  3. Mubarak (Korruptionsvorwürfe, Vermögen der Familie Mubarak rund 40 Milliarden, sonstige Großtaten ?)

Bei der gewaltlosen Ablösung von Mubarak hat, neben der jungen Facebook-Generation, auch die freiheitliche Berichterstattung des arabischen Senders Al Jazeera aus Quartar wesentlichen Einfluss gehabt.

Heute gibt es eine Militärübergangsregierung in Ägypten. Das Gerichtsurteil gegen Mubarak wird in Kürze erwartet und die freien Wahlen stehen vor der Tür.

Umfragen ergeben heute eine klare Mehrheit für Moslem-Brüder über 45% und den Salafisten 20% (das ist der Zweig, der heute in Deutschland 1 Mio. Koranbücher verschenken will). Wer auch immer die Regierung stellen wird, aus der Protestbewegung heraus hat sich kein Führer gebildet und in wieweit die heutigen Favoriten – alles alte Männer - die neuen Ideale umsetzten können, darf bezweifelt werden.

Unabhängig von der personellen Umsetzung sind doch die Erwartungen der Ägypter im wesentlichen Verbesserungen wirtschaftlicher Natur und der persönlichen Situation, aber wie soll das funktionieren?

Wie bei allen Revolutionen wurde es erst mal schlechter und Ideen, wie es besser werden soll, konnte hier keiner aufzeigen.

Wir haben auch keine Idee !!!!!